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Im Labyrinth der Bücher

Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 25.02.2009 [pdf]

Rede zur Verleihung des Heinrich-Wolgast-Preises

gehalten am 28. 4. 2008 im Grips-Theater, Berlin

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler!

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Verleihung des Heinrich-Wolgast-Preises. Es wird hier niemanden verwundern, wenn ich sage, dass ich mich sehr darüber freue. Und diese Freude hat gleich mehrere Gründe.
Zum einen ist es natürlich ganz einfach schön, mit einem solchen Preis die Wertschätzung des eigenen Werkes zu erfahren. Ein ständiger Begleiter in meiner literarischen Arbeit ist der Selbstzweifel. Ich empfinde ihn durchaus als fruchtbar und absolut wichtig, aber dennoch tut es gut, zu einem Anlass wie dem heutigen zu erfahren, dass das Ergebnis meiner Arbeit für gelungen erachtet wird.
Natürlich spielt dabei auch eine große Rolle, von welcher Seite mir solcher Zuspruch zuteil wird, und damit bin ich auch schon beim zweiten Anlass meiner Freude: dass es gerade die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit ihrer Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien ist, die mir diesen Preis verleiht. Seit ich Kinder- und Jugendbücher schreibe, bin ich von der Sachkenntnis und dem großen Engagement beeindruckt, mit dem sich die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AJuM unter anderem um die Sichtung, Beurteilung, Vermittlung und Verbreitung von Kinder- und Jugendliteratur verdient machen. Die Rezensionen aus den verschiedenen Landesverbänden der AJuM begleiten seit über zwanzig Jahren mein Schreiben und haben mir immer wieder wertvolle Rückmeldung darüber gegeben, wie meine Bücher - gerade von Lehrerinnen und Lehrern - aufgenommen werden. (Dass auf diesen Rezensionsseiten früher ein anzukreuzendes Kästchen mit der Aufschrift Heinrich-Wolgast-Preis zu sehen war, habe ich zwar wahrgenommen, aber dem nie irgendwelche persönliche Relevanz beigemessen. Lange Zeit wusste ich auch weder, was das für ein Preis ist, noch wer eigentlich Heinrich Wolgast war.)
Inzwischen habe ich mich über Heinrich Wolgast informiert und finde darin einen dritten Anlass zur Freude: nämlich den besonderen Umstand, dass der Preis für den ersten Band meiner im deutschen Kaiserreich spielenden Roman-Trilogie den Namen eines Reformpädagogen just aus derselben Epoche trägt. Bei meiner Recherche über Heinrich Wolgast bin ich im Internet auf Auszüge aus dem Buch Das Elend unserer Jugendliteratur von Heinrich Wolgast in der dritten Auflage von 1905 gestoßen. Darin habe ich eine Passage gefunden, die ich Ihnen als Motto für meine weiteren Überlegungen vorlesen möchte. Ich zitiere:
„Es ist jedermann klar, dass es absurd wäre, die Entwicklung des Maikäfers in Form eines Dramas oder einen chemischen Prozess in der Form eines lyrischen Gedichts darzubieten. Nicht so einig ist das Urteil, wenn, wie häufig geschieht, ein Autor verspricht, die Geschichte des 30jährigen Krieges in Romanform zu lehren oder die Verwerflichkeit der Trägheit und die Ersprießlichkeit des Fleißes in novellistischer Form eindringlich vor Augen zu stellen. Sicherlich verdienen solche Endabsichten alles Lob, aber der Weg ist verwerflich. Die Dichtkunst kann und darf nicht das Beförderungsmittel für Wissen und Moral sein. Sie wird erniedrigt, wenn sie in den Dienst fremder Mächte gestellt wird.“ (Zitat Ende)
Die Dichtkunst kann und darf nicht das Beförderungsmittel für Wissen und Moral sein. Nun erfreut sich ein moralisierend pädagogischer Zeigefinger in der Jugendliteratur gegenwärtig ohnehin nicht einer solchen Beliebtheit wie zu Wolgasts Zeiten. Aber wie ist es mit dem Wissen? Wird an historischen Romanen, wie ich sie schreibe, nicht gerade geschätzt, dass sie en passant sauber recherchierte Fakten vermitteln, ein Bild der Vergangenheit entwerfen, ein Stück Sozialgeschichte nahe bringen oder – wie im Roman „In Berlin vielleicht“ - von Arbeitsbedingungen erzählen? Was soll daran, um Wolgast zu zitieren, verwerflich sein?
Auf den ersten flüchtigen Blick scheint hier ein Widerspruch vorzuliegen, scheint das Wolgast-Zitat den historischen Roman in Frage zu stellen. Doch im Gegenteil finde ich gerade meine ureigenste Sichtweise darin wieder. Ich glaube, was den essentiellen Unterschied zwischen dieser und jener Art des Umgangs mit Sachinformationen beim Roman-Schreiben ausmacht, ist das „um zu“. Die eine Art könnte es sein, einen Roman zu verfassen, um damit Wissen gefällig und unterhaltsam zu transportieren, hier wäre die Erzählung also nur ein Mittel zu einem außer-literarischen, höher erachteten Zweck. Dann würde – um mit Wolgast zu sprechen – durch diese Instrumentalisierung auch in meinen Augen „die Dichtkunst erniedrigt“, und das würde man dem Text anmerken. Grundlegend anders ist es, auf die andere Art einen Roman aus innerer Notwendigkeit heraus zu schreiben, aus dem Ergriffensein von einem Thema, das nach einem literarischen Ausdruck verlangt. Ich brauche wohl nicht mehr eigens zu betonen, dass – trotz aller Recherche - der letztere Weg des Romanschreibens der meine ist.
So hat mich auch bei dem Roman „In Berlin vielleicht“ nicht der Wunsch getrieben, über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Dienstmädchen im ausgehenden 19. Jahrhundert zu informieren – auch wenn der Roman dies sicherlich tut und unter diesem Blickwinkel gelesen und didaktisch eingesetzt werden kann. Aber in meiner Intention während des Schreibprozesses war es diese Lene Schindacker mit ihrem Stück Lebensgeschichte als Dienstmädchen im Kontext der damaligen Zeit, von der ich erzählen, deren Wahrheit ich erfinden wollte. Und bei jemandem, der 14 -18 Stunden täglich arbeitet, gehört eben selbstverständlich die Arbeit zu dieser Wahrheit. Aber nicht der Roman ist mir ein Mittel zur Wissensvermittlung, sondern die Wissensgewinnung ist mir ein Mittel zur Romanentstehung. Das, meine ich, stellt die Dichtkunst auf den Platz, der ihr gebührt – auch wenn das Ergebnis dennoch mehr oder weniger gelungen sein kann.
Doch warum wende ich mich ausgerechnet vergangenen Epochen zu?
Vieles wäre dazu zu sagen. Da sind mein Interesse an der Vergangenheit, meine Freude am Recherchieren und die Lust, lesend und schreibend mein Wissen zu erweitern. Da ist der Reiz des an der Recherche orientierten Schreibens, wenn Phantasie und Einfühlung sich an den Fakten reiben müssen, durch die sie sowohl beflügelt als auch begrenzt werden. Da ist das ungeheure Glück, wenn mir aus zusammengetragenen Wissensfragmenten ein plastisches Gesamtbild entsteht. Da gibt es die besondere Nähe, die ich zu inneren Themen gerade durch die Distanz und die Verfremdung herstellen kann. Da reizt mich das Spiel, mich im fremden Kontext zugleich zu zeigen und zu verbergen. Und vieles mehr.
Eine erschöpfende Antwort auf die Frage, warum ich historische Romane schreibe, muss ich heute schuldig bleiben, nicht nur, weil wir dann keine Zeit mehr für den Imbiss hätten, sondern auch, weil das Wesentlichste vielleicht dennoch ungesagt bliebe. Denn wer weiß, ob wir selbst immer wissen, warum wir tun, was wir tun? Und was schon für das alltägliche Leben gilt, gilt erst recht für die Entstehung von Literatur – es gilt für die Inspiration, die am Anfang eines Werkes steht und zur Themenwahl führt, und es gilt für den gesamten intuitiven Schaffensprozess.
Manchmal geschieht es, dass ich zehn Jahre später verstehe, warum ich einen Satz, eine Szene, einen Roman schreiben musste – was das mit mir und meinem Innersten zu tun hatte. Literatur schöpft aus den Tiefen des Unbewussten und ist damit auch ein permanenter Prozess des Ans-Licht-Bringens und der – manchmal bewussten und oft wohl unbewussten - Auseinandersetzung mit sich selbst, mit Gott und der Welt.
Indem ich lese, recherchiere und schreibe, mache ich mich auf den Weg. Immer wieder versuche ich dabei zu verstehen. Historische Prozesse zu verstehen, die uns als Gesellschaft zu dem haben werden lassen, was wir heute sind. Unsere Wurzeln zu verstehen, gerade auch die historischen Wurzeln von uns Frauen als Frauen. Menschen zu verstehen, wie sie werden aus ihrer jeweiligen historisch-gesellschaftlichen wie ihrer ganz individuellen Geschichte heraus. Im Ringen um die Wahrheit entstehen in mir und aus mir meine fiktiven Personen, denen ich schreibend meine ganze Empathie widme. Und ich hoffe, durch diesen Prozess die Grundlage dafür zu legen, dass auch die Leserinnen und Leser des Romans diese Figuren in sich kreieren und ihnen ihre Einfühlung und ihr Mitgefühl widmen können und werden.
Vielleicht gewinnen die Leserinnen und Leser damit eine weitere Facette in der differenzierten Wahrnehmung menschlichen Daseins. Vielleicht können sie dadurch mit Menschen mitfühlen, denen sie sonst nie ihre Aufmerksamkeit gewidmet hätten. Vielleicht klingt das eine oder andere ihres eigenen Schicksals und auch ihres eigenen Leides in ihnen an und wird in neuem Licht gesehen. Und vielleicht geht ihr Blick auch auf das Gesellschaftliche und Politische - vielleicht stoßen Leser gerade im Fremden, Alten auf gesellschaftliche Probleme, die heute nur in der Ausgestaltung anders als damals, aber nicht weniger gravierend sind. Vielleicht denken sie, wenn sie die Szene lesen, in der Lene in Berlin am Bahnhof ankommend beinahe von einer Bordellmutter abgeschleppt wird, an die Mädchen und jungen Frauen aus überwiegend osteuropäischen Ländern, die heute mitten unter uns in die Zwangsprostitution gepresst werden. Oder – um auf den entstehenden dritten Band der Kaiserreich-Trilogie zu kommen, in dem ich unter anderem vom Streik der unter Hungerlöhnen und miserablen Arbeitsbedingungen leidenden Konfektionsarbeiterinnen im Jahr 1896 und von der breiten Unterstützung dieses Streikes durch die Frauen des Bürgertums erzähle -: Vielleicht werden Leserinnen und Leser dabei an unser heutiges Ringen um Mindestlöhne denken oder an die Frauen und mitunter sogar Kinder, die unsere Kleidung in Indien oder Bangladesh, China oder Guatemala oder sonst wo in unserer globalisierten Welt unter teilweise ausbeuterischen und menschenunwürdigen Bedingungen nähen, und sich fragen, was wir dagegen tun können – vielleicht.
Was mit meinem Buch geschieht, wenn ich es aus der Hand gegeben habe, wie es gelesen, aufgenommen und interpretiert wird und was es womöglich bewirkt – ich habe es dann eben wirklich nicht mehr in der Hand. In Bezug auf meinen Roman „In Berlin vielleicht“ bestärkt mich der Heinrich-Wolgast-Preis in der Hoffnung, dass er Gutes bewirken möge. Ich danke Ihnen.

 


 

Gabriele Beyerlein über die Schulter geschaut

(Auszüge aus der Pressemappe des Thienemann-Verlages)

Über mein erstes Buch

Ich ging mit meiner kleinen Tochter auf einem Berg in der Nähe von Nürnberg spazieren. "Keltisches oppidum" stand in der Wanderkarte. Ich sah nicht mehr als einen überwucherten Erdwall, der sich um das Plateau herum zog, und ich kann nicht behaupten, dass mich dies sonderlich interessiert hätte. Meine Tochter wurde müde. "Ich kann nicht mehr!" klagte sie. "Ich erzähle dir was!", war meine schon beinahe standardmäßige Antwort. Eine Geschichte musste her, die meine Tochter ihre Müdigkeit vergessen ließ. "Pass auf", sagte ich, "ich erzähle dir jetzt von den Kindern, die früher einmal hier gelebt haben. Genau an dieser Stelle war nämlich vor langer, langer Zeit einmal eine Stadt."

Der Wunsch, ein Kinderbuch zu schreiben, hatte mich schon eine Zeitlang begleitet, war gewachsen aus dem Erzählen für meine Kinder, lag begründet in meiner eigenen Kindheit, in der ich davon geträumt hatte, meine Geschichten aufzuschreiben. Doch bis zu diesem Spaziergang hatte mir die zündende Idee für ein Kinderbuch gefehlt. Nun auf einmal war sie da, und mit ihr das plötzlich erwachte Interesse an unserer Vorzeit. Ich trug alles zusammen, was ich an Büchern über die Keltenzeit auftreiben konnte. Und tatsächlich: Aus dem, was ich las und recherchierte, aus der Landschaft und aus der Erinnerung an jenen Spaziergang erwuchs mein erstes Buch.

Wenn mich Ideen überfallen...

Vereinfacht dargestellt, brauche ich beim Schreiben zwei Arten von Ideen: die erste Grundidee, d. h. den Auslöser, damit eine Geschichte überhaupt in Gang kommt, und dann viele, immer wieder neue Ideen während des Schreibens, die manchmal die auslösende Idee verändern oder sogar durch etwas ganz Neues ersetzen.

Auslösende Ideen kommen ungeplant und unplanbar, überfallartig. Bei meinen historischen Büchern war es einmal das Betrachten eines Plakates zu einer Ausstellung, manches Mal waren es Besuche in Freilichtmuseen oder das Lesen von Fachbüchern, oft Landschaften und historische Orte. Bei meinen phantastischen Geschichten hatten die auslösenden Ideen mehr mit meinem täglichen Leben, momentanen Problemen oder inneren Prozessen zu tun.

Die besten Ideen während des Schreibprozesses kommen bei mir in einer Art Zwischenzustand zwischen Wachen und Träumen. Morgens, kurz bevor der Wecker klingelt, im Dämmerzustand, oder wenn ich gemütlich in meinem Lieblingssessel sitze und meinen Geist auf Reisen schicke. Manchmal unternehme ich aber auch lange Spaziergänge im Wald und überlasse mich meinen Gefühlen und Gedanken. Ideen kann ich nicht machen. Sie geschehen.

Über den Prozess des Schreibens

In den ersten Jahren habe ich immer die Handlung in groben Zügen vorausgeplant, bevor ich mit dem Schreiben eines Buches begonnen habe. Ein solches Schreiben ist sehr ökonomisch, da man von Anfang an ungefähr weiß, worauf man hinaus will, und folglich beim Schreiben kaum Umwege macht. Später hat sich mein Arbeitsstil von selbst geändert. Jetzt weiß ich meistens sehr wenig von meiner Geschichte und kann auch das genaue Thema nicht benennen, wenn ich anfange. Vielleicht ist es nur der Klang des ersten Satzes in meinem inneren Ohr, aus dem sich alles entwickelt. Dazu habe ich vielleicht ein Bild von meiner Hauptfigur und eine vage Vorstellung von Thema und Handlung. So war es beispielsweise bei dem Buch „Vollmondnächte“, das sich aus dem ersten Satz entwickelte: „Eines Tages wachte Aimee auf und spürte, dass ihr etwas fehlte.“

Ich plane nicht

Diese sozusagen ungeplante Art ein Buch zu schreiben führt oft dazu, dass ich 100 Seiten und mehr wegwerfe, denn ich weiß zu Beginn ja noch kaum, wo das Ganze enden wird und kann folglich auch die Fährten noch nicht richtig legen. Aber solches Schreiben ist für mich selbst sehr spannend, ein Prozess, bei dem ich als mein eigener Beobachter sozusagen mit offenem Mund dastehe und mich überraschen lasse.

Und ich finde, die Bücher werden dadurch besser. Authentischer. Wahrer.

Beim Schreiben selbst habe ich nicht das Gefühl, Herrin meiner Figuren zu sein, die wie eine Marionettenspielerin an den Fäden zieht und die Puppen tanzen lässt. Ich habe das Gefühl, alles, was geschieht, selbst zu erleben. Ich bin mit meinem Gefühl die Person, die jeweils agiert. Und diese Person hat ihren eigenen Willen und ihre eigenen Bedürfnisse, und mitunter passen die mir gar nicht in meinen Schriftsteller-Kram. Das erste Niederschreiben einer Geschichte ist der kreativste und essentiellste Teil des Prozesses. Zeitweise habe ich dabei den Eindruck in einem einzigen großen Rausch zu leben.

Wie das Buch fertig wird

Die Hauptarbeit aber geht erst nach der ersten Niederschrift los: das Überarbeiten. Meist sitze ich an der Überarbeitung eines Manuskriptes länger als an seiner Rohfassung. Unmittelbar nach dem ersten Niederschreiben finde ich es sehr schwierig bis unmöglich, einen klaren Blick auf die Stärken und Schwächen des Textes zu haben und zu beurteilen, was davon standhält, was zu verwerfen ist und was wie verbessert werden kann und muss. Bewährt hat sich für mich, das Manuskript für längere Zeit liegen zu lassen, es mehrere Monate gar nicht mehr anzusehen und es dann aus der Distanz heraus ganz neu zu lesen.

Kreative (Uhr-)Zeiten

Wenn ich erst einmal die Richtung erkannt habe, beginnt eine Zeit, die ich sehr liebe: das Umschreiben, das teilweise neu Konzipieren, das Korrigieren, die Arbeit am Detail. Sehr oft wache ich dann nachts (meist ist es 2 Uhr) mit einer Idee für etwas auf, was ich unbedingt noch ändern oder herausarbeiten muss.